Das Ruhrgebiet ist tot. Lang lebe das Ruhrgebiet!

Keine Sorge, dieser Artikel soll nicht eine Form von Lokalpatriotismus sein, allerdings möchte ich heute ausdrücklich auf den Standort “Ruhrgebiet” eingehen und was ihn so besonders macht, gerade auch in Bezug auf den Strukturwandel und die vielen Startups, die sich hier momentan tummeln – da es sich hier ja um einen Internet-Blog handelt 😉

- Anzeigen -

In Deutschland habe ich schon einige Städte gesehen, erkundet und auch dort gearbeitet. Und jede Stadt hat für mich einen ganz eigenen Reiz. Um nur ein paar zu nennen: Hamburg besticht durch seinen Hafen, die Speicherstadt, St. Pauli/Reeperbahn und durch seine – ich nenne es “Klarheit”. Köln wiederum durch seinen Karneval, den Rhein, die meist fröhlichen Menschen, und, und, und.

Wat schreiben die?

Aber über das Ruhrgebiet, da lese und höre ich immer nur Strukturwandel, keine Jobs, keine Lebensfreude, keine Lebensqualität. Da frage ich mich ernsthaft, ob ich mich in einer Nachrichtenblase befinde, oder diejenigen noch nie hier waren um die Städte zu erkunden? Als gebürtiger Ruhrgebietler darf ich mir erlauben, dass Ruhrgebiet als Ganzes mit anderen Metropolen zu vergleichen in Deutschland. Denn auch hier gibt es große Firmen, viel Natur, viele Restaurants, und vor allem bezahlbaren Wohnraum, anders als in den anderen Metropolen. Die Immobilienpreise steigen natürlich auch hier in den beliebten Gegenden. Ein “Flickenteppich” sozusagen.

Richtig ist, dass es in vielen Städte hausgemachte Probleme gibt. Nehmen wir Duisburg-Marxloh, welche von Einwanderern aus Bulgarien überschwemmt werden, oder den hohen Arbeitslosenanteil in Gelsenkirchen. Klar, es ist alles nicht perfekt hier, aber ist es das z.B. in Berlin? Auch dort ist die Armut hoch, ebenfalls die Mietpreise. Und dazukommt dann noch die Dauerbaustelle “BER”, welche Milliarden verschlingt.

Es fehlt die “Kohle”

Was in den Medien immer propagiert wird, finde ich respektlos. Respektlos gegenüber 5 Millionen Einwohnern im Ruhrgebiet. Da kommt dann der nächste “Armutsbericht”, der unsere Region nur noch weiter nach unten zieht, mit welcher Rechtfertigung? Manchmal werden hier Daten verglichen, die komplett an der Realität vorbeilaufen. Wenn jemand in München 20% mehr verdient, aber diese 20% durch höhere Miet- und Kaufpreise zunichte gemacht werden, ja, ist er dann reicher?

Mit dem Wegfall der letzten Zeche ist natürlich eine Ära im Ruhrgebiet zu Ende gegangen. Wo bis vor einigen Jahren noch ein Großteil der Bevölkerung “auf Zeche” waren, so ist es jetzt natürlich nur noch ein Bruchteil. Das Ganze subventioniert vom Staat muss man dazu sagen, die Kohle war nicht das Maß aller Dinge der Region, dass habe ich mittlerweile auch erkannt und braucht mir niemand zu erklären. Auch das es durch den Ausfall dieser Industrie zu vielen Arbeitslosen kam und diese in den neu angesiedelten Firmen keine Beschäftigung finden können, jedenfalls nicht sofort. Den Mut zum Wandel, den will eben nicht jeder mitmachen.

Und wo wir schon bei Kohle sind, den Städten fehlt es ebenfalls an Kohle in der Kasse, welche sich nicht so leicht schürfen lässt (bis auf die Blitzer-Installationen und die teils absurd hohen Parkgebühren..). Früher habe ich mich immer darüber geärgert, wieso es in unserer Stadt kein eigenes Kino mehr gibt, bei einer Einwohnerzahl von 117.000 Menschen. Heutzutage denke ich mir: Warum soll hier ein Kino aufmachen, wenn im Umkreis von 5 km zwei hochmoderne Kino’s in den Nachbarstädten vorhanden sind?

Man muss uns einfach als Metropole sehen, allerdings darf die eigene Identität der einzelnen Städte nicht verloren gehen. Daher habe ich auch etwas gegen einen Zusammenschluss der Städte. Als vor einigen Jahren wieder die Nummernschilder kleinerer Städte eingeführt wurden, gab es einen großen Zulauf auf die Straßenverkehrsämter. Damit zeigte sich klar, jeder möchte Teil des Ganzen sein, aber nicht seine Identität verlieren. Klar mag der Duisburger den Mülheimer nicht, aber sobald man sich außerhalb der Region trifft, ist man wieder “aus einer Klitsche”.

Persönlich möchte ich morgen nicht “RHR” auf meinem Nummernschild haben, aber die Region als Ganzes zu nutzen, dass mache ich sehr gerne. Die Stadtgrenzen der Städte verschmilzen. Wird das “Centro”, der “Innenhafen”, oder der “Kaisergarten” erwähnt, fragt niemand hier in welcher Stadt das sei.

ÖPNV? Ist das eine Partei?

Wie ich schrieb, möchte ich keinen Lokalpatriotismus machen, was ich zum Beispiel extrem nervig finde, ist der ÖPNV. Mal versucht von Bottrop nach Duisburg zu kommen? Da braucht man min. 45 Minuten von Hbf zu Hbf, für 25 km! An dieser Stelle sollte man spätestens die Stadtgrenzen/Verkehrsbetriebe einmal überdenken und bessere Verbindungen untereinander anbieten.

Innerhalb der Nachbarstädte ist es besser ausgebaut, nach Essen kommt man schnell, nach Oberhausen, Gladbeck, aber alles was außerhalb es unmittelbaren Umfelds ist, gleicht einer Himmelsfahrt.

Letztens war ich in Hamburg und bin dann mit dem Zug nach Hause gefahren. Leider halten die meisten Zugverbindungen die durch das Ruhrgebiet fahren an jedem kleinen Bahnhof, was echt Zeit kostet. So war ich dank eines Zugausfalls sage und schreibe 7 Stunden unterwegs (ca. 360 km), um von Hamburg nach Bottrop zu kommen. Jetzt ist Bottrop natürlich nicht Hamburg, das ist mir schon klar, aber ich könnte mir eine Art “Subway” im Ruhrgebiet vorstellen, wie z.B. in Dubai.

Berlin? Kenn ick nich

Dachtet ihr, dass Berlin immer noch den Ton angibt was Startups betrifft? Falsch, denn NRW hat aufgeholt laut dem “Startup Monitor” und sich an die Spitze gesetzt, mit 19% aller Gründungen im Vergleich zu Berlin mit 15,8% in 20181, davon kamen 11,2% aus der Metropole Rhein Ruhr. Berlin verlor zum Vorjahr 1%.

Ein paar Beispiele findet ihr hier: https://www.gruenderszene.de/galerie/startups-aus-dem-ruhrgebiet

Kommt dieser Vibe auch hier an? Langsam aber sicher, merke ich einen Wandel der durch unsere Städte treibt. Es gibt hier extrem viele Projekte, welche die Städte/Bauherren planen. Sei es die “Freiheit Emscher”2, “Essen 51”3, oder “Mark 51/7”4 in Bochum. Zig Neubausiedelungen, moderne Verkehrsführungen, E- und Hybrid-Fahrzeuge, tolle Einkaufsmöglichkeiten und immer noch viel zu entdecken. Es bewegt sich was, wenn auch nur langsam. Aber das ist auch in Ordnung. Man kann nicht eine große Region von heute auf morgen umkrempeln. Dazu fehlte in der Vergangenheit dann wohl auch etwas die Weitsicht von einigen Politikern. Tatsächlich hätte das schon viel früher anfangen müssen, damit wir wieder mehr Industrie & Gewerbe in die Städte ziehen. Wenn wir aber alle immer nur jammern und meckern, wird sich nichts ändern. Man muss seiner Region/Stadt eine Chance geben.

Wir müssen uns mit unserer ehrlichen und direkten Art nicht vor unserer Hauptstadt verstecken. Auch in Gelsenkirchen oder Duisburg gibt es nicht überall verwahrloste Gegenden, das ist nur das was man in den Medien zu sehen bekommt. Und wer diese Ecken gefunden hat und sich dann die Wohnpreise ansieht, der glaubt dann manchmal doch in der Hauptstadt unterwegs zu sein. Lebensqualität ist für jeden etwas anderes: Die einen brauchen Meer, die anderen jedes Jahr das Oktoberfest und Lederhosen.

Innerstädtisch gibt es allerdings auch immer mal wieder Baustellen, auf die man nicht unbedingt stolz ist. Dann kündigen Mieter in den Hauptstädten, die die Stadt beleben sollten, oder es werden große Hotspots nicht realisiert, es dauert hier eben etwas länger, aber der Standort “Ruhr” macht sich langsam, und nur das wollte ich mal “kurz” gesagt haben als Local.

In diesem Sinne: Glück auf 😉

Quellen:
1 https://deutscherstartupmonitor.de/fileadmin/dsm/dsm-18/files/Deutscher%20Startup%20Monitor%202018.pdf
2 https://freiheit-emscher.de/
3 https://www.thelen-gruppe.com/essen51/
4 https://www.bochum2022.de/mark-517/

- Anzeigen -